Freitag, 20.06.2003 (Tag des Abschieds):
 
Als wollte es uns das Wetter an unserem letzten Tag noch mal besonders schön machen ! Wir haben blauen Himmel und strahlenden Sonnenschein. Und ich habe wieder lange Jeans an.

Beim Frühstück stellen wir fest, dass gestern in Deutschland ein Feiertag war und viele Leute diesen Brückentag für ein verlängertes Wochenende in London nutzen. Man hört so viel deutsch wie an den Tagen vorher zusammen nicht.
Da unsere Travelcards abgelaufen sind, lassen wir nach dem Frühstück unser Gepäck im Hotel und gehen nur noch in die Kensington Gardens. Unterwegs erzählt die Bruderfamilie, dass sie gestern Prinz Charles und Camilla gesehen haben. Die sind in 20 – 30 Meter Entfernung im Park aus einem Hubschrauber ausgestiegen. Gerhard hat von Charles auch zwei Fotos gemacht. Eines von hinten und eines ohne Kopf. Als Pressefotograf sollte er sich wohl besser nicht bewerben *grins*.
Im Park gibt es viele Eichhörnchen. Nur dummerweise bleiben diese Viecher nur sehr ungern sitzen, um fotografiert zu werden. Wir geben aber nicht auf. Auch wenn Marco irgendwann mal erklärt, dass er statt des Eichhörnchens den Boden fotografiert hat. Warum auch nicht ? Wer will nicht gerne ein Foto von einem Stück Boden aus einem englischen Park sehen ?

Schließlich kommen wir bei unserem Rundgang an der Stelle an, wo gestern der Hubschrauber gelandet ist. Und prompt kommt auch jetzt wieder so ein Ding runter. Wir können unser Glück kaum fassen. Wie die Kletten bleiben wir an dem bisschen Zaun stehen, das unser Stück Rasen von dem Landeplatz-Rasen trennt. Aha, aussteigen tut diesmal niemand. Aber vielleicht fliegt Prinz Charles ja wieder ab ? Notfalls wären wir auch schon mit Camilla zufrieden. Zu unserer Enttäuschung steigt nach 20 Minuten irgend so eine Nase in den Hubschrauber ein, die kein Mensch kennt. Mist.

Mittags kommen wir an einem Imbiss-Stand im Park an. Ich bestelle eine Portion Pommes. Und Brigitte lässt sich von Gerhard und mir genau erklären, wie man das „Serpentine Sandwich“ ausspricht (Sörpentain Sändwitsch), das sie sich bestellen will. Schließlich war sie ja jetzt ein paar Tage hier und wird auch entsprechend selbstsicher im Umgang mit Engländern. Ganz stolz gibt sie bei dem Mädel am Tresen ihre Bestellung auf (A Sörpentain Sändwitsch please). Womit sie nun aber nicht gerechnet hat, ist eine genuschelte Gegenfrage. Damit ist Brigitte dann wieder etwas überfordert (A Sörpentain Sändwitsch please). Und woher sollte sie auch wissen, dass sie ihr Sandwich mit hellem oder dunklem Toast und dann noch getoastet oder nicht haben kann ? Da helfe ich ihr halt netterweise mit meinem besseren Englisch etwas aus. Bin ja gar nicht so *grins*.
Als wir zum Essen in der Sonne sitzen, kommt ein ganz vorwitziger Vogel (laut Brigitte ist es ein Star. Und da sie davon wesentlich mehr Ahnung hat als ich, glaube ich es ihr) auf dem Tisch angehüpft und nähert sich langsam meiner Schale mit den Pommes. Ich scheuche ihn weg. Er kommt wieder. Ich scheuche wieder. Da wirft ihm Brigitte ein ganz winzigkleines Krümelchen von ihrem Sandwich hin. Großer Fehler. Etwa eine Zehntelsekunde später fühle ich mich in Hitchcocks „Vögel“ versetzt. Aus sämtlichen Richtungen ertönt ein gewaltiges Rauschen und es kommen tausende von Vögeln angeflattert. Und alle lassen sich auf dem Tisch neben meiner Pommes-Schale nieder. (Okay, vielleicht waren es auch etwas weniger, aber der Tisch war VOLL) Als die ersten feststellen, dass ich ihnen wirklich nix abgebe, kacken sie aus Protest noch kurz auf den Tisch und verkrümeln sich wieder. Aber einige bleiben zeckengleich sitzen. Und meine liebe Bruderfamilie amüsiert sich königlich über meine erfolglosen Versuche, diese frechen Viecher wieder zu vertreiben.

Um 13 Uhr machen wir uns dann vom Hotel aus ein letztes mal auf den Weg zu unserer U-Bahn-Station. Da unsere Travelcards abgelaufen sind, müssen wir uns eine Fahrkarte für die U-Bahn kaufen.
Der Stansted-Express fährt diesmal ohne Rotlicht-Probleme direkt zum Flughafen durch.
Nachdem wir die Koffer und Marcos Reisetasche abgegeben haben, fällt Brigitte ein, dass sie die zwei restlichen Piccolos gegen Flugangst seitlich in der Reisetasche mit aufgegeben hat. Und nun stellt sich die Frage, welche Angst größer ist. Die vor dem Flug oder die vor zerbrochenen Sektflaschen im Gepäck.
Zum Glück finden wir im Flughafen noch eine Bar, die alkoholhaltige Getränke ausschenkt. Auf die Art kann sich Brigitte wenigstens noch ein Bier gönnen. Auch, wenn das nicht den gleichen Effekt hat wie Sekt. Im Flugzeug überlegt sie, ob sie noch ein Bier nimmt. Dummerweise fliegen wir aber mit RyanAir. Und da sind Getränke nicht umsonst. Auf meine Frage hin, was denn ein Bier kosten würde, antwortet die freundliche Stewardess „4 Euro“. Da beschließt Brigitte (nach einem Blick auf die putzig-winzigkleinen Bierflaschen im Wägelchen der netten Dame), dass sie bei diesen Preisen lieber Flugangst hat.

Wir kommen glücklich wieder in Hahn an. Während Gerhard das Auto holt und wir mit den Koffern auf ihn warten, stellt Brigitte fest, dass die Piccolos den Flug gut überstanden haben. Dafür muss jetzt einer davon dran glauben. Hat sie sich auch verdient.
Plötzlich klingelt mein Handy. Gerhard ist dran. Die Schranke am Parkplatz, die am Montag noch offen war (weshalb er kostenlos aussah und Gerhard das Auto dort abgestellt hat) ist jetzt zu und fragt ganz energisch nach einem bezahlten Parkticket, bevor sie sich bereiterklärt, aufzugehen. Da wir aber kein Parkticket haben (und erst recht kein bezahltes), haben wir ein Problem. Ich sage Gerhard, dass ich versuche, die Sache zu klären. Er soll beim Auto bleiben, ich rufe wieder an. Und da sage noch einer, Handys wären ... aber ich glaube, das hatten wir schon.
Nach einer ausdauernden verbalen Schlacht mit der Dame an der Information (in deren Verlauf sich eine ansehnliche Schlange hinter mir angesammelt hat, was die Dame dann noch nervöser macht) telefoniert sie mit einem Parkplatz-Pförtner und erklärt mir dann, dass wir mit dem Auto bis kurz vor die Schranke fahren sollen, die würde dann aufgehen. Ich gebe diese Information an Gerhard weiter und siehe da – es funktioniert. Scheinbar hat der Pförtner die Schranke von seinem Häuschen aus geöffnet.

Nun können wir uns endlich auf die letzte und längste Etappe unserer Heimfahrt machen. Es ist nicht wirklich schön. Freitag abend. Wahnsinnig viel Verkehr. Wahnsinnig viele Baustellen. Wahnsinnig viele Geschwindigkeitsbegrenzungen. Zumindest fahren die Autos jetzt wieder auf der richtigen Straßenseite.
Wir machen einen kurzen Stop an einer Tankstelle. Ich ertappe mich dabei, dass ich mit der Dame an der Kasse englisch reden will. Im letzten Moment beherrsche ich mich noch.

Um 23 Uhr sind wir wieder daheim. Von unserem Kirchweih-Festzelt tönt lautstark „Ein Prooooosit der Gemütlichkeit“ herüber.

In Gedanken höre ich stattdessen noch den Straßenmusikanten vom Covent Garden.

Ich will wieder nach London.