Der Tag beginnt damit, daß ich meinen Wecker falsch gestellt habe und erst beim telefonischen Weckruf aufwache. Na prima. Hektik gleich am Morgen.
Naja, immerhin durften wir in der letzten Nacht mal etwas länger schlafen.
Vor dem Frühstück hole ich noch meinen bestellten Silberanhänger ab. Der Verkäufer begrüßt mich wie einen alten Freund. Ob ich ihm vielleicht doch zuviel bezahlt habe ?
Beim Frühstück erfahren wir, warum wir wir unbedingt wieder alle die gleichen Sitzplätze wie am Abend vorher einnehmen sollten. Gelis Reviermarkierungen (will sagen: Granatapfelflecken) sind noch vollzählig vorhanden. Vielleicht will uns das Personal mit dieser Aktion ja darauf aufmerksam machen, daß in Ägypten nichts geklaut wird ... ?
Kurz danach sitzen wir im Bus auf dem Weg zum unvollendeten Obelisken der Königin Hatschepsut. Unser Reiseführer amüsiert sich darüber, daß manche Deutsche Probleme damit haben, den Namen dieser Dame auszusprechen. Ich stelle fest, daß es hier in Oberägypten wesentlich heißer ist als oben in Unterägypten.
An dieser Stelle ist vielleicht etwas Aufklärung über Ober und Unter in Ägypten angebracht. Hier sollte man ganz schnell die bisher gewohnte Nord- und Südansicht der Landkarte vergessen. Die Ägypter gehen nach dem Lauf des Nils. Und da dieser so quasi von unten nach oben fließt, ist Oberägypten halt unten und Unterägypten oben. Alles klar ?
Gut, zurück zum Thema. Khaled erklärt uns auf dem Gelände, auf dem der Granitsteinbruch mit dem Obelisken liegt, wie diese Monumente früher aus dem Felsen herausgeschlagen wurden. Sehr interessant. Nur dummerweise stehen wir in der Sonne. Als fünf Minuten später das Signal für die Besichtigung des Obelisken gegeben wird (ca. 100 Meter leicht bergauf) haben wir die ersten Ausfallerscheinungen bei Gruppe 1.
Nein, inzwischen heißen wir ja schon "Wurm 1" ("Wurm" ist der Name des Chefs unserer VHS, der die ganze Reise organisiert hat. Und unsere beiden Reiseleiter finden es wohl besonders lustig, uns mit den Schlachtrufen "Wuuuurm Aaaains" und "Wuuuurm Zwaaaaiiii" um sich zu scharen. Ich bin sicher, diese Rufe wird man noch lange nach unserer Abreise in Ägypten hören können).
Mit dem Ausruf "Naa, mier is a su haas, dou geh iech ned mied nauf !" läßt sich unsere dicke Frau mit Bart auf eine Bank plumpsen, die im Schatten eines kümmerlichen Bäumchens steht. Ich habe den Schmerzensschrei der Bank deutlich gehört. Der Frau ist es zu heiß. Morgens um halb zehn. Was macht die erst mittags ? Vielleicht ist eine Ägyptenreise doch nicht unbedingt GANZ das Richtige für sie ? Der Obelisk selbst ist (wie wohl alle Monumente in Ägypten) sehr beeindruckend. Da die Arbeit an diesem Steinquader damals eingestellt wurde, weil er einen Riß bekam, liegt er noch genauso im Steinbruch, wie er vor einigen tausend Jahren liegengelassen wurde. Man kann sich richtig vorstellen, wie die Arbeiter daran herumgeklopft haben. Die einzigen, die heute noch mit ägyptischem Aussehen dort anzutreffen sind, sind Reiseleiter und ein alter Einheimischer mit Bart, der sich freundlich lächelnd zwischen Touristenfotoapparate und den Obelisken drängelt und dann Bakschisch für's Foto will.

Khaled erklärt uns, wie die Obelisken früher aus dem Steinbruch herausgebrochen wurden

Und so liegt dieser Obelisk heute noch da
Einige Zeit später geht es weiter zum Philae-Tempel. Dieser ist der Göttin Isis geweiht und liegt auf einer Insel, die nur über Motorboote erreicht werden kann. Das Bauwerk besticht besonders durch sein eindrucksvolles Äußeres, die Menschenmassen, die dort herumlaufen und die schlechte Luft im Inneren. In den inneren Kammern befinden sich nämlich dunkle Nischen. Welchen Zweck diese früher erfüllten, weiß ich leider nicht Heute werden sie aber dem Geruch nach als eine Art Bahnhofstoilette genutzt. Trotzdem wie gesagt: Sehr eindrucksvoll.

Der Philae-Tempel vom Boot aus betrachtet

Die Vorderseite des Tempels
Mit dem Boot geht es zurück zur Anlegestelle, von dort aus zu Fuß zurück zum Bus (zwischen teilweise ziemlich aufdringlichen Händlern hindurch) und dann mit dem Bus zum Nasser-Stausee. Auf den sind die Ägypter wahnsinnig stolz. Und was sieht der Tourist ? Eine breite Straße. Auf der einen Seite ganz furchtbar arg viel Wasser. Auf der anderen Seite ein nettes Tal mit einem Kraftwerk. Irgendwie war's das auch schon. Aber Mia und Geli hatten mich ja schon vorgewarnt, daß ich hier nicht zuviel zu erwarten sollte.
Wenigstens sehen wir auf dem Weg dorthin endlich mal einen der Katarakte. Ich dachte immer, das wären einfach Wasserfälle. Aber weit gefehlt. Ich versuche, aus dem fahrenden Bus zu fotografieren. Da mir aber vor lauter Holperstraße fast der Fotoapparat aus den Händen fällt, glaube ich nicht, daß das Bild was geworden ist.

Das Bild wurde doch etwas !!!
Danach besuchen wir eine Papyrus-Fabrik. Hier wird uns erklärt, wie echter Papyrus hergestellt wird und wir können - welch ein Zufall - auch welchen kaufen. Wurm 1 und Wurm 2 beschließen, hier viel Geld auszugeben. Außerdem wird uns Tee angeboten. Nur ich muß das wohl irgendwie verpennt haben, denn ich hab' nix gekriegt. Trotzdem kaufe ich mir zwei Papyri für über's Sofa im Wohnzimmer. Muß das London-Poster eben weichen. Jetzt ist Ägypten angesagt. Geli kauft ein Papyrus mit zwei Kartuschen, in die sie die Namen von zwei Freunden in hieroglyphisch reinschreiben läßt. Als Geschenk. Irgendwie habe ich den Eindruck, die Hieroglyphenzeichner müssen bei Disney gelernt haben. Jedenfalls sind die Figuren, die sie malen, poppig-bunt. Absoluter Blickfang sind zwei quietschgelbe Löwen. Köstlich. Und Geli guckt etwas verdutzt, als sie es sieht. Noch köstlicher. Sowas entschädigt doch immer wieder für's frühe Aufstehen ...
Gegen 14 Uhr treffen wir auf unserem Nilkreuzfahrtschiff ein. Es heißt "Princess Amira" Na, das klingt doch schonmal dufte. Beim Mittagessen darf sich jeder verdeckt (damit sich keiner beschweren kann) eine Karte mit seiner Kabinennummer ziehen. Schließlich kennt Khaled seine dicken Frauen mit Bart.

Ach ja, wir haben inzwischen noch einen weiteren Spitznamen vergeben. Neben der "dicken Frau mit Bart" gibt es jetzt auch noch "das Huhn". Das ist eine kleine Frau, die es ständig schafft, ihren Kopf ruckartig links und rechts zu schwenken, jeden dumm anzugackern und sich - egal an welcher Schlange- vorzudrängeln. Doch das nur nebenbei.
Zurück zur Kabinenverteilung. Wie schon in Kairo haben die Mädels und Gerd Zimmer nebeneinander. Nur ich logiere wieder ganz woanders. Mist, sieht nach Unterdeck aus. Damit ich draußen auch ja nichts sehe. Zum Mittagessen setzen sich Günther und Werner zu uns. Wir haben uns in den letzten Tagen schon mehrfach kurz mit ihnen unterhalten. Da hier auf dem Schiff die Sitzordnung für die gesamte Aufenthaltsdauer gleich bleibt (ob die auch auf Reviermarkierungen Rücksicht nehmen ?), werden wir mit den beiden wohl noch mehr zu tun bekommen. Sie scheinen aber sehr nett zu sein.
Khaled hat uns bereits erklärt, daß das Essen für Touristen den westlichen Sitten angepaßt (sprich: wenig gewürzt) ist. Irgendwie scheinen die Ägypter aber nur das englische Essen zu kennen. Nachdem wir einen Bissen probiert haben, greifen wir alle erstmal spontan zum Salzstreuer.
Etwas später: Korrektur. Ich bin doch nicht ganz unten, es gibt Leute, die noch eine Treppe tiefer gehen. Haben Schiffe einen Keller ? Ich beziehe meine Kabine. Beim Auspacken, der Toilettenartikel stelle ich fest, daß mein Shampoo noch im Badezimmer auf Isis Island steht. Prima. Wenigstens habe bei der dauernden Umzieherei meinen Koffer noch nicht vergessen.
Ich ziehe den Duschvorhang im Bad zur Seite, um die Dusche zu begutachten. Oh, hier steht sogar ein Bidet. Ich habe sowas bisher ja noch nie verwendet. Nur mal kurz gucken, wie das Ding sprudelt. Ich drehe am Wasserhahn.
Während ich mir mein Gesicht wieder abtrockne, überlege ich, ob ich mein feucht gewordenes T-Shirt auch wechseln soll. Ach was. Es ist doch warm. Schließlich sind wir in Ägypten.
Noch etwas später: Wir fahren mit kleineren Booten auf dem Nil. Zur Erklärung: diese Boote heißen Felukken. Mia bezeichnet sie nämlich gerne als Fellachen. Das wiederum sind die einheimischen Bauern, die es bestimmt nicht lustig finden, wenn man ihnen ein Segel an den Mast bindet und auf ihnen den Nil überqueren will.

Felukken auf dem Nil - nicht Fellachen
Als wir auf Kitchener Island ankommen haben wir nur noch ungefähr eine halbe Stunde Zeit, den botanischen Garten zu bewundern. Irgendwie scheint unser Zeitplan wohl etwas aus dem Ruder gelaufen zu sein. Die Rückfahrt mit der Felukke dauert länger als der Hinweg, da sie von Anfang an ohne Wind stattfindet. Dafür isses dunkel. Irgendwann macht der ältere der beiden Schiffer einen ziemlich erschöpften Eindruck und Khaled springt für ihn ein. Danach beginnt ein Personalwechsel am Paddel. Erst eine weitere Mitreisende, dann unsere Tischnachbarn Günther und Werner. Khaled telefoniert inzwischen ganz hektisch mit seinem Handy. Seinem angestrengten Gesichtsausdruck nach erklärt er gerade jemandem, daß wir auf dem Nil feststecken, weil wir den letzten Wind verpaßt haben. Oder so. Immerhin sind unsere Ruderer auf zack, so daß Wurm 2 abgeschlagen hinter uns rumpaddelt. Irgendwann erbarmt sich doch ein Motorboot und schleppt uns ab. Endlich.
Beim Abendessen fällt mir auf, daß wir der einzige Tisch sind, an dem dauernd gelacht wird. Die ernsten und teils verkniffenen Gesichter der anderen sind wohl darauf zurückzuführen, daß wir uns ja schließlich nicht auf einer Vergnügungs-, sondern auf einer Studienreise befinden. Oder ist Geli doch nicht die Einzige mit Verstopfung ?
Habe eben erfahren, daß morgen um sechs Uhr Wecken ist. Hurra ! Endlich mal wieder früh aufstehen.
Wir machen den Fehler, Mia daheim anrufen zu lassen. Damit aktiviert sie ihr Gesprächsthema "Bübchen" aufs Neue. Und wir hatten uns schon gefreut, daß das langsam weniger wurde.
So, und jetzt geht's zum Abschluß nochmals in den Bazar von Assuan, für jeden eine Galabija (sprich: Galabeia) kaufen. Morgen Abend ist an Bord eine Party, zu der alle in solch einem Kaftan erscheinen sollen. Prima. Da fährste nach Ägypten und was haste ? Kölle Allaaf ! Die Händler im Bazar wissen natürlich, daß diese Abende auf den Schiffen stattfinden und deshalb gibt es massenweise Verkaufsstände, die diese Galabijas anbieten. Irgenwann stellen wir fest, daß es nichts bringt, nur durchzulaufen, wir müssen auch mal mit einem Händler reden. Wir geraten an einen, der es schafft, mit einer fließenden Bewegung einen Kaftan aus seiner Verpackung zu reißen und ihn mir über den Kopf zu stülpen. Schon hat er einen zweiten ausgepackt und hängt an Geli. Damit sie sich sehen kann, schleppt er sie irgendwo nach hinten in seinen Laden zu einem Spiegel. Das ist uns doch etwas unheimlich und wir schicken Gerd hinterher. Schließlich haben wir für die Reise vereinbart, daß in Gegenwart von Ägyptern Gerd der Bruder von Geli ist. So wie Mia meine Schwester spielt. Mia und ich warten. Nun ist Gerd auch noch verschwunden. Also suchen wir die beiden. Als wir sie finden, ist der Verkäufer gerade dabei, Geli schon einen neuen Kaftan über den Kopf zu zerren. Als er sich Mia zuwendet, um auch sie mit einem neuen Outfit zu bedenken, beugt sich Geli zu mir und murmelt "Egal, was er verlangt, wir zahlen höchstens ein Drittel, der hat eben versucht, mich anzugrapschen." Ich nicke ihr zu und kläre den Händler so "nebenbei" im Gespräch darüber auf, daß die Mädels unsere Schwestern sind. Damit sind sie wenigstens vor seinen Grabbelfingern sicher.
Nachdem jeder von uns eine Galabija ausgesucht hat, geht's ans Feilschen. Es gelingt uns, den Typen von 350 Pfund für alle zusammen auf 130 Pfund und zwei Kugelschreiber runterzuhandeln. Ist wahrscheinlich immer noch zuviel, aber wir sind zufrieden.
Mia erklärt unser Feilsch-System wie folgt: Geli und ich übernehmen beim Handeln das Verbale (sprich: die große Klappe). Mia schaut immer möglichst skteptisch und spielt damit "die Böse", während Gerd durch sein scheinbar harmloses Aussehen von unseren wahren Absichten ablenkt.
Gar nicht mal so dumm, diese Masche. Auf jeden Fall macht es unheimlich Spaß.
Kurz zur ägyptischen Währung: Auch wenn Mia hartnäckig auf ihren "umgangssprachlichen" Egypt-Dollar besteht, heißt die Währung in Ägypten "Pfund". Abgekürzt "LE". Irgendwie haben die auch sowas wie Pfennige, aber die braucht man fast nicht. Darum habe ich mir auch nicht gemerkt, wie die Dinger heißen. Grob gerechnet bekommt man für eine Mark zwei Pfund.


In gehobener Stimmung verlassen wir fast fluchtartig den Bazar (Wer bereits eine Einkaufstüte trägt, wird von den anderen Händlern als leichte Beute angesehen und entsprechend belästigt) und machen uns auf die Suche nach unserem Schiff. Immerhin finden wir diesmal den Nil selbständig. Nur gibt es hier einige Anlegestellen und während unserer Abwesenheit wurde das Schiff verlegt. Da an jeder Anlegestelle mehrere (ich habe einmal sieben gezählt) Schiffe nebeneinanderliegen, so daß man erst durch einige andere hindurch muß, bevor man das eigene findet, ist die Suche gar nicht so einfach. Aber wir sind clever und finden unser Schiff.

So liegen die Schiffe nebeneinander